Wehmut, aber mit Blick nach vorn

Nach 66 Jahren erlebten die Glaubensgeschwister den letzten Gottesdienst in ihrer Gemeinde.

66 Jahre Gemeindestandort Tannenberg im Erzgebirge – eine lange Zeit.
Die Kirchenräume befanden sich überwiegend hier im historischen Zainhammer des Ortes. Drei Vorsteher hatte die Gemeinde in diesen Jahrzehnten und viel Segen Gottes wurde hier erlebt. Nun findet der letzte Gottesdienst in den vertrauten bescheidenen Räumen dieses alten Gebäudes statt, welches seit dem 16. Jahrhundert so viel gesehen hat.

Langsam streift mein Blick durch den Kirchenraum. Zum letzten Mal werde ich heute hier an diesem liebgewonnenen Ort einen Gottesdienst erleben. Der Altar ist liebevoll mit einem leuchtenden farbenfrohen Blumenarrangement geschmückt.
Meine Gedanken wandern zurück in die Vergangenheit. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Lieben, die hier gewirkt haben und uns schon in die jenseitige Welt vorauf gegangen sind. Ich sehe meinen lieben Vater, der hier jahrelang als Dirigent tätig war. Alle bedeutenden Ereignisse der Familie fanden in diesen schlichten Räumen statt; die Taufen, die Versiegelungen, die Konfirmationen, die Hochzeiten, die wiederkehrenden Feste im Jahreslauf...
In tiefer Dankbarkeit blicke ich zurück auf die vielen Erlebnisse, die ich hier haben durfte.

Langsam füllt sich der Kirchenraum. Die Vorsteher der Nachbargemeinden Annaberg-Buchholz, Ehrenfriedersdorf, Schönfeld und Wiesa, wo wir Tannenberger künftig zur Gemeinde gehören werden, sind mit anwesend. Herzlich wurden wir dort bereits in den letzten drei Jahren während der Wochentagsgottesdienste aufgenommen. Auch hier durchströmt mich große Dankbarkeit.

Die Orgel ist still – der Gottesdienst beginnt in wenigen Augenblicken. Bischof Matthes tritt in Begleitung der beiden Bezirksevangelisten und der Gemeindeamtsträger an den Altar.

Diesem Entwidmungsgottesdienst legt er das Bibelwort Johannes 6, 26-27 zugrunde:

Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von dem Brot gegessen habt und satt geworden seid. Schafft euch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die bleibt zum ewigen Leben.

Einfühlsam geht Bischof Matthes in seiner Predigt auf die wehmütige Stimmung der Tannenberger Glaubensgeschwister ein. 66 Jahre – durch jede Kleinigkeit wurde Gott in der Gemeinde offenbar und immer war man mit dem zufrieden, was der Herr gab. Die Tanne ist ein Baum, der immer grünt und somit ein schönes Zeichen für Gottes Segen ist. Diese Gemeinde sei für ihn ein Bild beständigen Glaubens in stiller Bescheidenheit.
Bischof Matthes spricht auch von dem Beispiel, als mit fünf Broten und zwei Fischen fünftausend Mann gespeist wurden, denn Jesu segnete dankbar das Wenige, was da war. Man suchte Jesu, weil man innerlich satt wurde.

Nun wendet sich der Bischof in ganz besonderem Maße an die Tannenberger Glaubensgeschwister:
„Schafft euch Speise, die nicht vergänglich ist. Geht hin zu Christus, das ist nicht ortsgebunden. Geht dorthin, wo Christus sich offenbart. Sucht die Nähe zu Gott. Nichts ist vergessen, was liebend getan wurde.“

Gemeindevorsteher Wendrock dankt in seinem Predigtbeitrag für das, was die Glaubensgeschwister in der Gemeinde getan haben: Danke für den Blumenschmuck, danke für Musik und Gesang, danke an die vielen fleißigen Hände, welche die Kirchenräume in Ordnung hielten.
Ein liebevoller Dank an die Ehefrau und die Familie, die viel Unterstützung in den Jahren gaben.
Ein besonderes Dankeschön geht an den Vermieter, der vor allem im Winter zuverlässig für die ständige Zugänglichkeit der Kirchenräume sorgte.

Bezirksevangelist Melzer unterstreicht in seinem Predigtbeitrag noch einmal, dass Traurigkeit in dieser Situation ganz normal ist. Dennoch – der Blick in die Zukunft ist das Wesentliche. Der Herr hat uns bis hierher geführt und führt uns auch zum Ziel.
Der Bezirksevangelist dankt den Tannenberger Glaubensgeschwistern nun besonders dafür, dass er in der Gemeinde stets willkommen war – von seiner Jugend bis heute.

Nach dem Gottesdienst bleibe ich noch eine Weile in der Bank sitzen. Innerlich fühle ich es wie einen Nachhall des eben Erlebten: Ja, es geht weiter.
Ich blicke in die Zukunft und kann sagen: Ich freue mich auf meine neue Gemeinde.

SSR/ Fotos A.K. und SSR